Verlagstext: "Diese Texte geben dem Leser fesselnde Einblicke in den Alltag Brasiliens von einem, der dieses Land nicht mit den Augen eines Touristen sieht, sondern der selbst seit vielen Jahren in diesem Staat lebt und sich unter härtesten Bedingungen in dieser fremden Welt, in einem fremden Kulturkreis bewähren mußte."
Nelson Sampaios Glatze | An der Strandpromenade | Ich suche Auftraggeber/Verleger
Reinhard Lackinger schreibt die Kolumne "Onkel Reinhards Kulturtagebuch" auf altravita.de.
Als ich gestern früh Nelson da Silva Sampaio, unseren Nachbarn vom Apartment Nr.801 im Lift traf, erschrak ich vor seinem Anblick - er hatte sich über Nacht eine Glatze scheren lassen.
Meine Augen wurden von dieser runden, kastanienfarbigen, glänzenden Kuppe unwiderstehlich angezogen, als handelte es sich um einen optischen Saugnapf.
Was sollte ich tun, um zu tun, als wäre nichts geschehen? Tun, als gäbe es absolut nichts, das meine besondere Aufmerksamkeit verdiente. Ich versuchte es mit einem freundlichen "Guten Morgen", setzte ein ausdrucksloses Umweltgesicht auf, und drückte umständlich den Knopf zur 2. Garage.
Das war ein Fehler, denn Sampaios Garagenplatz befindet sich in der selben Etage, wo auch ich mein Auto stehen habe. Sein kahlgeschorener Schädel würde sich zwangsweise auch nach Verlassen des Lifts in mein Visier drängen. Gewiß hatte Sampaio meine Überraschung, Frucht seiner nagelneuen Glatze, sofort bemerkt. Er mußte damit gerechnet haben, dachte ich, als im 3. Stock meine Gedanken vom Bewohner des Apartaments Nr. 302 unterbrochen wurden, der laut grüßend den Lift betrat.
Mein Blick heftete sich automatisch ans Antlitz des Neuzugestiegenen, in Erwartung seiner Reaktion auf Sampaios ungewohnten Anblick. Ich wartete vergeblich. Der Neue, dessen Namen ich noch nicht kannte, weil er erst seit etwa zwei Jahren das Dach mit uns teilte, schien von Sampaios Platte nicht im mindesten beeindruckt oder gar überrascht.
Ich wünschte inbrünstig, irgendeiner der Fahrstuhlbenützer möge augenblicklich einen guten Witz zum besten geben, damit ich dem Lachdrang, der sich seit dem 5. Stockwerk, in dem ich wohne, in mir aufbäumte, aus verständlichem Grund freien Lauf lassen konnte. Wie blöd der Witz auch sein mochte, ich würde befreit losbrüllen dürfen, ohne in den Verdacht zu geraten, meine Heiterkeit rühre vom Kahlschlag auf Sampaios Schädel her, dem kein einziges seiner drahtigen Kraushaare entkommen war.
Genau betrachtet, zeichnete Sampaio sich keineswegs durch besonders ausgeprägte negroide Gesichtszüge aus. Seine Hautfarbe war sogar um zwei bis drei Milchtropfen heller, als ein verlängerter Brauner. Mit etwas Nachsicht hätte man ihn für einen besonders tiefgebräunten Europäer halten können. Für einen Südeuropäer, versteht sich, wären da nicht die drahtwaschelähnlichen Kraushaare gewesen. Sampaio rangierte seinem Aussehen nach irgendwo zwischen Mulatten und mehr oder weniger "lichten Moreno".
Nun war das Kraushaar der Glatze gewichen und vor mir stand seit dem 5. Stock ein "lichter Moreno", den ich zuvor jahrelang als Mulatten gekannt hatte. Er sah aus und schaute drein wie Yul Brynner nach einem langen Sommer in Algarve. Nur war sein Blick noch um einiges schärfer, als jener des längst verblichenen Leinwandhelden.
Was er sich dabei wohl gedacht haben mochte, als er diese radikale Veränderung seiner Frisur beschlossen und durchgeführt hat? , dachte ich. An seine Nachbarn hat er bestimmt nicht gedacht! Nein, an uns hat er nicht gedacht. Oder vielleicht doch? Wollte er uns eins auswischen? Uns damit zeigen, was er in seinem Innersten davon hielt, daß wir, die fast Weißen, ihn stets mit Respekt behandelt, seine Hautfarbe diskret ignoriert, ihn fast als einen Unsrigen angesehen hatten?
Hoffte er, mit der Beseitigung des Kraushaars, dieses untrüglichen Attributs seiner Zugehörigkeit zum Schwarzen Teil der Menschheit, diese selbst außer Kraft gesetzt zu haben? Indes, die Spiegelglatze hellte seine Hautfarbe um keine Spur auf. Ich fragte mich, ob Nelson da Silva Sampaio und alle anderen brasilianischen da Silvas und Sampaios, Santos, Cruz', Costas, tatsächlich rund um die Uhr die Farbe ihrer Epidermis mit jener ihrer Nachbarn verglichen. Es mußte wohl so sein, warum sonst hätte er seinen Schädel dem Rasiermesser unterworfen?
Es muß die Hölle auf Erden sein, schwarz durch die Welt zu laufen, wenn die Seele mit aller Inbrunst nach weißer Haut lechzt.
Am Play-Ground, wie wir das Erdgeschoß nennen, betrat Marneyde, die "empregada domˇstica", die Hausbedienstete von 701 den Lift. Sie trug ein hellblaues Kleid, mit weißer Schürze und ein Kopftuch. Alles was darunter an Gliedmaßen, Gesicht und Hals hervorragte, war mit Ausnahme ihrer Handflächen, Lippen und Augäpfel so schwarz wie die Knöpfe am Aufzugs-Kontrollbrett. Ich mußte alle Kraft aufwenden, um meine Augen nicht direkt von ihr in Sampaios lauerndes Gesicht wandern zu lassen. Er hätte vermutlich sofort darauf geschlossen, daß ich dabei war, die Hautfarbe beider zu vergleichen. Ich blickte deshalb starr auf die Aufzugswand. Warum mußte diese dumme Gans den Aufzug nehmen, wenn sie doch wußte, daß wir zu den Garagen hinunterfuhren, während sie in den 7. Stock hinaufwollte. Sie hätte im Parterre warten können, bis der Lift ohne uns wieder hochkam. Nie im Leben wird sie ahnen, welches Unheil sie mit ihrer unbedachten Spazierfahrt anrichten hätte können. Eine einzige unbedachte Geste meinerseits, ein kurzer verräterischer Augenaufschlag - schon hätte man mir einen Prozeß wegen Rassismus anhängen können. Das ist heute so Mode in Schwarzbrasilien.
Solange sich ein mehr oder weniger farbiger Brasilianer weiß fühlt, ist alles OK und er sozusagen IN. Verrät hingegen einer, der um eine Spur lichter ist, daß er sich tatsächlich für eine Spur lichter hält als sein Nachbar, stürzt die Welt ein. Wie verhalte ich mich bloß in Zukunft, wenn Sampaio beispielsweise eines schönen Tages mit blonder Perücke auftaucht? Seit diesem Morgen traue ich ihm das ohne weiteres zu.
Ich sehe anstrengende Zeiten auf mich zukommen. Ab heute werde ich auf den Lift verzichten und zu Fuß den 5. Stock bewältigen. Wenn mich das bloß nicht in den Verdacht bringt, ich wiche Sampaio aus Rassenwahn aus...
Reinhard Lackinger
reinhard@bahianet.com.br
Aus dem Alltag Brasiliens
Verlag Leykam, 1998
ISBN 3-7011-73753
80 Seiten kartoniert
DM 13,00
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