Nelson Sampaios Glatze | An der Strandpromenade | Ich suche Auftraggeber/Verleger
Reinhard Lackinger schreibt die Kolumne "Onkel Reinhards Kulturtagebuch" auf altravita.de.
Was bleibt mir beim Joggen entlang der Strandstraße von Barra, in Salvador, Bahia, Brasilien anderes übrig, als die Menschen zu beobachten, die mir entgegenkommen, die mich schnaufend überholen? Ich könnte zum Beispiel nachsinnen, wie dichotomes Denken in unserer Welt überhand nimmt. Heute ist jedermann imstande, zwischen weiß und schwarz zu unterscheiden, zwischen arm und reich, männlich und weiblich... Da mir aber solche Themen besonders frühmorgens viel zu kompliziert sind, beschränke ich mich auf einfache Beobachtungen entlang meines Weges.
Mehr oder weniger erhitzte Gesichter werden von bewußt vorteilhaft gekleideten Körpern getragen. Eine Frau mit schön geformten Waden wird diese nicht unter langen Hosen verbergen wollen. Moderne Brasilianer stellen ihr Licht selbst bei Morddrohung nicht unter den Scheffel. Großzügig aufgetragene Schminke glitzert in der Morgensonne. Ein anderer, mit übermäßig behaartem Fell, joggt mit bloßem Oberkörper, oder höchstens mit einem weit dekolletierten Gewichtheberleibchen bekleidet. Bodybuilder, deren Äußeres einer Anatomie - und Muskelstudie dienen könnte, kommen aus einleuchtenden Gründen in einem ähnlichen Aufzug anmarschiert.
Fast jedermann trägt Markenturnkleidung, die sofort als solche erkannt werden kann. Goldene Kettchen, schlenkernde Ohrringe und Walkmen aus buntem Kunststoff mit ebenso grellfarbenen Headphones vervollständigen das allgemein gültige Aussehen. Alle anderen, die sich mit gewöhnlichen Klamotten die Strandpromenade entlangbewegen, tanzen prompt aus der Reihe und fallen unangenehm auf. Solchen asozialen Typen sollte das Joggen am Gehsteig von Barra* untersagt werden. Nur die Baianas mit ihren langen weissen Reifröcken und Turbanen, die bereits zu jener Morgenstunde ihre Quitutes, ihre afrobaianischen Süßspeisen anbieten; Militärpolizisten, die in Gruppen herumstehen; streunende Bettler und die an Omnibushaltestellen wartenden, für ein weiteres Tagewerk geharnischten Angestellten, werden als Ausnahmen akzeptiert.
Die vielen dunkelhäutigen Straßenkinder unter den Gesimsen der Häuserfront, schlafen zu dieser frühen Morgenstunde fast alle noch. Ab und zu eine obdachlose Mutter. Die eng an sich gepreßten Kleinkinder erinnern an säugende Ferkel. Auf der zum Leuchtturm hin ansteigenden Rasenfläche turnt wie immer eine hagere Gestalt, vollzieht einsame Übungen, reißt für einige Augenblicke meine Aufmerksamkeit an sich. Die Gesichtszüge des Mannes sind eine Mischung aus Kirir’, Patax— und anderen 7 bis 11 nordostbrasiliansichen Indianerstämmen. Sein langes, graues Haar trägt er in Form eines Roßschwanzes. Ferner weisse T-Shirts und eine lange, weisse Hose. Seine betont langsamen und gleitenden Bewegungen, vor einem imaginären Widersacher, sehen so komisch aus, daß mir der Anblick weit mehr Körperbeherrschung abverlangt - um nicht lauthals aufzulachen - als die eigenartigen Verrenkungen des von allen Passanten betrachteten Tai Chi Chuan - Praktikanten.
Politiker der Situation grüßen Politiker der Opposition. Der Herr Stadtrat erwidert den Gruß mit polierter Überschwenglichkeit. Für das joggende Fußvolk bleibt immerhin noch ein freundliches Zunicken übrig. Reiche Unternehmer kommen laut diskutierend in Rudeln daher.
Manchmal denke ich ernsthaft daran, für diese Beobachtungen eine bestimmte Methode zu erarbeiten, das Joggen am Strand sozialpolitisch zu erfassen, statistische Daten in verschiedenfarbige graphische Darstellungen zu verwandeln. Welche Beziehungspunkte suchen meine Augen? Worauf fällt mein Blick zuerst? Bin ich überhaupt noch Herr meiner Wahrnehmungen, oder drängen sich die Bilder je nach Intensität der optischen Anregungen? Welche Rolle spielt dabei mein Interesse an den weiblichen Reizen? Was geschieht, wenn ich sehe, wie das enganliegende Trikot der vorbeihastenden Schönen auf die weiblichen Fettgewebe drückt, die Last einer zärtlichen Hand vorvollziehend? Was bewirken die "Kurveskurven", die die Elasitkbänder der Unterwäsche auf die gesunden, jungen Körper zeichnen, in den Köpfen geneigter Voyeure? Wie viele der unangemeldeten Reize, denen unsere Augen pausenlos ausgesetzt werden, sind überhaupt noch natürlichen Ursprungs? Kann unser Hirn wohl noch lebensnahe Beobachtungen verdauen? Ist es noch imstande, sie zu erkennen? Wie weit sind wir bereits zu Schachfiguren einer virtuellen Realität geworden? Sex, überall Sex. Schwindelerregende Dekolletes, kecke, rundgetrimmte Hinterbacken und steile Venusberge werden von Outdoors, von Umschlägen einschlägiger Magazine und vor allem aus dem Fernsehapparat in unsere Augen katapultiert. Junge Mädchen verkaufen uns Automobile, Ferienreisen... Bilder einer schönen, neuen Welt. Der Weg zum Shopping-Center ist geebnet. Knusper knusper knoischen...
In diesen pamphletarischen Gedankensalat versunken, die Augen verstohlen auf die Rundungen der holden Weiblichkeit gerichtet, diese auslotend, prallte ich auf die mehr glitzernd als schwitzend einhertrabende Lola Leão, die berühmte Popsängerin. Es war ein betörender Anblick und das erste Mal, daß sie mir auf der Strandpromenade begegnete. In Salvador leben tausende von Komponisten, Sänger und Musiker, die für das höllische Lärmchaos aus Pagode-, Reggae-, Pop- und sonstiger Karnavalsmusik verantwortlich zeichnen. Trotz dieser stadionfüllenden Menge von Tonkünstlern in der Stadt des Heilands, erwartet niemand, auch nur einen einzigen von ihnen beim Jogging am Strand zu begegnen. Zu so früher Morgenstunde schon gar nicht.
Lola Leão, der blonde Superstar, hatte trotz ihres geringen Alters bereits eine steile Karriere hinter sich. Sie war 14, als sie begann, für den Modefürsten Mario Jorge Boiolatto zu defilieren. Ihre Laufbahn als Mannequin, sowie der Millionenvertrag erfuhr nach ihrem 16. Geburtstag einen jähen Abbruch. Sämtliche TV-Klatschmagazine schlachteten damals das Gerücht aus, Lolas Maße wären für die Modebranche nicht mehr geeignet... Was sich auf der einen Seite als Nachteil erwies, kam ihr alsbald bei den Shows der Pagodegruppe zugute, der sie sich mittlerweile angeschlossen hatte. Während die Rundungen der Gutitarren bei der baianischen Musik immer mehr Prestige verloren, wurden diese bei den Tänzerinnen zum großen Hit. Ein konvexer, frenetisch zuckender, sinnlich rotierender, gefählich über einem Flaschenhals schwebender Podex stellte nun das Epizentrum des Showbizz dar, zog alle Augenpaare der Zuschauer auf sich. Es dauerte nicht lange, bis Lola Leão mit ihrem gewaltigen, doch reizenden Popo alle möglichen Produkte vermarktete. Sie gab Interviews, erschien auf Outdoors und blinzelte für Playboy ins Objektiv. Ihr Erfolg schien in ihren kontrastierenden Eigenheiten zu liegen. Eine perfekte Mischung aus betörender Erotik und infantilen Aussagen und Meinungen. Lolas Hinterteil war bald bekannter als das Gesicht mancher Politiker.
So kamen diese 178 cm strohblonde Weiblichkeit auf mich zu. Omoweisse Tennisschuhe, ebensolche Socken, die üppige Haartracht vorsorglich unter einer schwarzen nordamerikanischen Schirmkappe versteckt, sowie ein weisses, hügeliges T-Shirt. Das alles, einschließlich einem kahlgeschorenen Beinepaar, angetrieben von jenem, in kurze Shorts gepackten Heckmotor, der Brasilien sogar Carla Perez vergessen ließ. Ich war auf diese Begegnung genauso unvorbereitet wie Moses in der Wüste, als er auf den brennenden Dornenstrauch stieß. Sie sagte "Oi", als wir einander kreuzten, obwohl ich keinen Laut herausbrachte. Ich habe mich nicht einmal nach ihr umgedreht, um die berühmten Backen in natura anzustarren. Mir war, als hätte mich jemand photographiert und dafür 10.000 Elektronenblitze benutzt. "Lola Leão hat mich angesprochen", jubelte es in mir und wußte, daß ich, sollte ich jemals den Mut aufbringen, diese kleine Episode der Öffentlichkeit preiszugeben, bei allen Männern meiner Happy-Hour-Runde nur auf neidvoll zweiflerische Gesichter stoßen, und meine Frau mich einen senilen Lustmolch schimpfen würde... War das alles, was ich von dieser Begegnung profitieren konnte? War das nun tatsächlich das Wunschobjekt aller Männer? Als überzeugter Hetero durfte ich die Beklemmung nicht eingestehen, die sich in mir breitgemacht hatte. Bei all meiner Phantasie konnte ich mir nicht vorstellen, Lola Leão nachzustellen, ihr den Hof zu machen, bei ihr zu meiern, wie es einst in meiner alpenländischen Heimat hieß.
Während ich im Umgang mit kleineren, weniger produzierten und vor allem dunkelhäutigen Weibchen niemals gegen dumme Gedanken gefeit war, spürte ich bei Lolas Anblick nichts dergleichen. Waren diese athletischen, mit Anabolica und Silikone vollgestopften Supervamps für uns Männer überhaupt noch erschwinglich? Die überraschende Begegnung mit Lola Leão ließ mich ernsthaft daran zweifeln. Ein Ausflug in meine Lustvorstellungen bescherte mir die Vision schweigend aufeinander prallender Sexroboter. Frenetische Extase unbewohnter Körper inmitten einer namenlosen Einsamkeit. Frauen wie Lola Leão gehörten zu keiner Intimität aus 4 Wänden. Kein unbeholfenes Umwerben, kein instinktorientiertes Vernaschen, sondern nur noch ein flüchtiger Augenschmaus...
Wie sich bald herausstellte, bereitete sich Lola Leão für ein neues Kinderprogramm im Brasiliansichen Fernsehen vor. Wie ihre Vorbilder würde auch sie die frühzeitige Erotisierung der kleinen Bauxerln fördern, ihnen "a dança na Boquinha da Garrafa", den Tanz am Flaschenhals beibringen. Die blonde Mähne des ehemaligen Mannequins und Ex-Tänzerin, wird im Rhytyhmus der von ihr interpretierten zweideutigen Lieder hin und herwehen. Nur die geneigten Playboyleser konnten mit Sicherheit behaupten, daß Lolas blonde Haatracht eine Art Uniform war...
Auf meinem allmorgigen Weg entlang der Strandpromenade des Stadtteils namens Barra in Salvador, Bahia, Brasilien*, habe ich mir sagen lassen, daß die geschlechtlichen Neigungen mancher Gewichthebertypen auch nicht gerade das waren, wofür sich ihre Muskelpakete ausgaben... Diese zusätzliche Schwierigkeit erlaubte es mir nicht, daß ich meine erotisch-sozialen Beobachtungen in dichotome Schubläden stopfte. *
Salvador, 23 de outubro de 1999 copyright vorläufig by Reinhard Lackinger
Aus dem Alltag Brasiliens
Verlag Leykam, 1998
ISBN 3-7011-73753
80 Seiten kartoniert
DM 13,00
erschienen.
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